AKHNATEN von Philip Glass

Opera Incognita bringt die Sommerproduktion 2022 im Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst, München zur Aufführung.

Premiere am 27. August,

weitere Vorstellungen am 31. August sowie am 2., 3., 7., 9., 10., 15. und 16. September 2022.
Beginn jeweils 19:30 Uhr

Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst, München

Kartenvorverkauf

Kartenvorverkauf ab sofort bei München Ticket, online oder bei den Vorverkaufsstellen. Tel. 089/54 81 81 81

Coronaregeln: noch unbekannt.

I
2022 feiert die archäologische Fachwelt gleich mehrere bedeutsame Jubiläen. Zum einen jährt sich der Geburtstag Heinrich Schliemanns zum 200. Mal, zum anderen entschlüsselte 1822 der damals 31jährige Sprachwissenschaftler Champollion die ägyptischen Hieroglyphen und öffnete einem globalen Publikum damit die Pforten zu einem unmittelbaren Verständnis der faszinierendsten Kulturräume der Antike. Beide Ereignisse und Persönlichkeiten haben sich tief ins kollektive Gedächtnis einer historisch interessierten Weltöffentlichkeit eingebrannt und gelten bis heute als Meilensteine und Ikonen kreativen Entdeckertums und der Leistungsfähigkeit menschlichen Geistes. Das freie Münchner Opernkollektiv Opera Incognita möchte diese Ereignisse mit der Münchner Erstaufführung der gefeierten Musiktheaterinstallation „Akhnaten“ von Philip Glass gebührend würdigen. Als Gipfelpunkt der Minimal Music ist Glass nicht zuletzt durch seine vielzitierten Filmmusiken und Opernaufführungen auch jenem Publikum ein Begriff, das sich mit zeitgenössischen Strömungen klassischer Musik nur bedingt oder überhaupt nicht auseinandersetzen möchte. Opera Incognita hofft, mit diesem Projekt auch einem jüngeren Publikum Zugang zu neuen Sichtweisen auf das oft totgesagte Opern-Genre zu ermöglichen. Bereits 2018 erprobte das Musiktheaterkollektiv das renommierte Staatliche Museum ägyptischer Kunst München als Spielort für eine sehr eigenständige Version von Verdis „Aida“. Nachdem wir nun mit den räumlichen Gegebenheiten und akustischen Verhältnissen dort etwas vertrauter geworden sind, sehen wir uns imstande, die komplexen Mikro-Strukturen und musikalischen Varianzen dieses Gipfelpunkts der Musik des 20. Jahrhunderts aufzuführen.

II
Als Abschluss seiner Trilogie über bedeutende Visionäre und Denker vollendete Philip Glass seine Oper über den ägyptischen Pharao Echnaton 1984. Nach Einstein und Gandhi widmete er dem wohl zwiespältigsten und rätselhaftesten Visionär seiner Trilogie eine Art persönliche Auseinandersetzung, ein fast aleatorisch anmutendes Spiel mit Perspektiven und Sinnzusammenhängen von Geschichte und Glauben. In einer Fülle an frei assoziierten szenischen Räumen richtet Glass, der in diesem Werk auch als Librettist fungiert, die Perspektive auf eine Art halluzinierte Lebensgeschichte der 17 Jahre währenden Herrschaft Echnatons. Glass schuf ikonographische Raumzeitstrukturen, die sich elliptisch jeweils einem einzigen thematischen Zentrum widmeten. In großangelegten musikalischen Bewusstseinsströmen schuf er ein opulentes Panorama, das die Zuschauenden vom Tod des Vaters, der Krönungszeremonie Echnatons bis hin zur Installierung des sagenumwobenen Aton- Kults und dessen Abschaffung führt. Einer der zahlreichen Höhepunkte der Oper ist nicht zu zuletzt der „Hymnus“, Echnatons möglicherweise selbstverfasste Ode an die Sonne. Auch private Aspekte des frühen Begründers eines staatlichen Monotheismus finden Platz in Glass‘ großangelegter Musikarchitektur. Echnatons Heirat mit Nofretete und ihre sechs gemeinsamen Töchtern werden ebenso Kapitel zugeordnet wie der gemeinsamen Schöpfung der neuen Hauptstadt des Reiches – Achet-Aton, dem Bau eines neuen Tempels, der Zerstörung der alten Götter und des bis dahin geltenden Amun-Kults. Auch der Schaffung des berühmten Sonnen-Hymnus wird ein gewaltiges musikalisches Monument errichtet, bevor die Oper eine Brücke in unsere Gegenwart baut und die längst vergessenen brutalen Auseinandersetzungen zwischen Herrscher und Verwaltungsapparat als Spuren im Sand der Geschichte beschreibt. Neben alten Pyramidentexten und Elogen auf ägyptisch, akkadisch und aramäisch verwebt Glass die Texte einer Schreiber-Figur zu einem großen, symbolischen Porträt der vielleicht umstrittensten Figur der altägyptischen Geschichte. In einem sinnlichen Diskurs wird über den persönlichen Rachefeldzug Echnatons gegen die Gedankenwelt seines dominanten Vaters Amenophis III ebenso diskutiert wie über den aggressiven Machterhalt, die verbissene Errichtung einer neuen staatlichen Ordnung und die Vergeblichkeit menschlicher Ambition angesichts des übermächtigen Urteils der Nachtwelt. Der Gebrauch von Inzest, der staatlich verordnete Bildersturm und die exzessive Symbolpolitik lassen heute Zweifel an der Integrität des „Visionärs“ Echnaton aufkommen. Zahllose kritische Stimmen renommierter Altertumsforscher zeichnen mittlerweile ein ambivalentes Bild dieses so zurückgezogenen wie machtbewussten Herrschers. Opera Incognita lässt sich mit diesem Projekt auf eine Auseinandersetzung mit der Hybris menschlichem Durchsetzungswillens ein, den fatalen Auswirkungen fanatischen Reformwillens, aber auch dem undurchdringlichen Dschungel politischer Machtströmungen und immerwährender Kämpfe zwischen Bürokraten und Visionären. Unter Einsatz verschiedenster theatraler Disziplinen wie Schauspiel, Tanz-Performance, Videodesign und interaktivem Publikumsdiskurs versuchen wir im großen, klaustrophobisch wirkenden Ausstellungssaal des SMAEK eine Art installatives Welttheater zu kreieren, das die ewigen gesellschaftspolitischen Strömungen, den immerwährenden Wunsch nach radikaler Veränderung und die gefährliche Sehnsucht nach neuen Führerfiguren in Szene setzt. Opera Incognita inszeniert die Bewusstseinsströme von Philip Glass als großes Pandämonium menschlicher Abgründe vor der trutzigen Beton-Wand des Museumssaals. Als ewige Prozession ziehen die Errungenschaften und Verwerfungen der Weltgeschichte an uns vorüber, bis Publikum und Spieler*innen in die unausweichliche Trance von Erinnerung und Reflexion geraten, die diese Musiktheaterwelten unweigerlich erschaffen. Dabei stehen nicht – wie in den meisten Aufführungen der Werke von Philip Glass – die ästhetische Einrichtung und dekorative Schauwerte im Vordergrund, sondern ein ernsthafter Umgang mit der systematischen Überschreibung von Geschichte durch die „Sieger“ aller Epochen. Uns interessiert weniger die Bebilderung dieser sphärischen Musik, als vielmehr ein seriöser, offener Disput über Narzissmen der Herrschenden, Reform und Gegenreform, das Verhältnis zwischen Freiheit und Sicherheit sowie die allgegenwärtige Frage nach dem Sinn und Wahn-Sinn von Religion. Nicht zuletzt durch die enge Zusammenarbeit mit dem Museum selbst werden Führungen angeboten, die dem Publikum im Vorfeld bereits eine Kontextualisierung von Glass‘ dystopischer Utopie ermöglichen.

Spielort : Staatliches Museum ägyptischer Kunst München

Zeitraum : August – September 2022 (8 Vorstellungen


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